Fortsetzung
Die Ausstellungsmacher haben Pionierarbeit geleistet, denn viele Schicksale von Opfern wie Überlebenden und ihre Erfahrungen in der NS-Zeit wären sonst weiter in den Archiven verstaubt. Die Ausstellung knüpfe an wichtige erinnerungspolitische Signale an und biete sowohl einen breiten Überblick als auch tiefere Einblicke in die Biografien queerer Menschen, lobt das Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma. Thematisiert werde nicht nur die Verfolgung, sondern auch „Strategien der Selbstbehauptung in schweren Zeiten“.
Dass die Diskussion ähnlich vielschichtige Züge annimmt wie die Ausstellung selbst, überrascht wenig. Moderatorin Werner lenkt den Blick auf die öffentliche Sichtbarkeit queerer Lebenswelten in der heutigen Zeit. Diese Frage habe sich Lisbert Queer Ludwigsburg, 2024 aus einer queeren Party-Initiative hervorgegangen, schon 2021 gestellt, sagt Jordan. Das Ergebnis: „Es mangelte an Sichtbarkeit.“ Betroffene hätten in Ludwigsburg keine Anlaufstelle gehabt. Die Vereinsgründung habe zur Netzwerkbildung beitragen sollen, um Betroffenen zumindest einen gewissen Schutz zu bieten. Jordan bietet Schmetz die Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung an, auch ein runder Tisch sei geplant: „Wir sind für alles offen.“
Wenn queere Lebenswelten sichtbar genug wären, „müssten wir uns heute Abend nicht mit diesem Thema befassen“, so die Bürgermeisterin. Es gebe gesellschaftliche Gruppen, die als „nicht adäquat“ angesehen würden oder „in Ecken gedrängt“ würden. Das sei auch bei queeren Menschen häufig der Fall. Bei der Sichtbarkeit gebe es „Luft nach oben“, räumt Schmetz ein, auch wenn sich in Ludwigsburg manches im Aufbau befinde. Betroffene bräuchten mehr Unterstützung - die Stadt könne bei eventuellen Verbesserungen aber nicht die Rolle des Hauptakteurs einnehmen: „Sichtbarkeit müssen wir alle zusammen herstellen.“
Noch vieles unentdeckt
Kolb von der Geschichtswerkstatt „Einhorn sucht Regenbogen“, zugleich Stadtarchivar von Schwäbisch Gmünd, weist darauf hin, dass das Thema Homosexualität in der NS-Zeit noch unentdeckte Facetten birgt, insbesondere die Schicksale lesbischer Frauen. Sexuelle Beziehungen zwischen Frauen seien niemals strafbar gewesen, „das interessierte niemanden und wurde als ,asozial‘ angesehen.“ Interessant wäre laut Kolb beispielsweise ein näherer Blick auf das ehemalige Kloster Gotteszell, das erste Frauengefängnis und -konzentrationslager in Württemberg in der NS-Zeit. Im Ludwigsburger Staatsarchiv lagerten 25 Regalmeter Akten über die Tötungsanstalt. Kolb: „Das alles muss jemand durchsuchen, um die jener Frauen zu identifizieren, die bisher unsichtbar geblieben sind.“
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