Fortsetzung


VelsPolSÜD-Infostand

Instagram-Post von `Internationale Jugend Stuttgart`


Stonewall gehört zu unserer Geschichte – aber Geschichte geht weiter

Selbstverständlich gehört Stonewall zur Geschichte der queeren Emanzipationsbewegung. Ebenso selbstverständlich müssen wir uns mit der historischen Rolle von Polizei und Staat bei der Verfolgung homosexueller, transgeschlechtlicher und anderer queerer Menschen auseinandersetzen. Aus dieser Geschichte jedoch abzuleiten, Polizei und queere Community müssten auch heute zwangsläufig Gegner sein, greift deutlich zu kurz.

Seit Stonewall hat sich vieles verändert – nicht von selbst und nicht ohne jahrzehntelangen gesellschaftlichen und politischen Kampf. Genau diese Veränderungen zeigen aber auch, dass Institutionen veränderbar sind. Heute gibt es queere Polizeibeschäftigte, LSBTIQ*-Ansprechpersonen, Aus- und Fortbildungsangebote, Kooperationen mit Communityorganisationen und spezialisierte Strukturen zur Bekämpfung queerfeindlicher Hasskriminalität. Viele dieser Entwicklungen sind gerade deshalb entstanden, weil queere Menschen innerhalb staatlicher Institutionen für Veränderungen gekämpft haben.

Auch VelsPolSÜD ist Teil dieser Entwicklung und hat hierfür mehr als 30 Jahre daran gearbeitet.

Wir sind nicht Beobachter von außen. Lesben, Schwule, bisexuelle, trans*, intergeschlechtliche und queere Menschen arbeiten selbst bei Polizei, Justiz und Zoll. Sie sind Teil der staatlichen Institutionen und gleichzeitig Teil der Community. Wer pauschal erklärt, Polizei habe auf einem CSD nichts verloren, erklärt letztlich auch diesen Menschen, dass ihre Sichtbarkeit unerwünscht sei.

Die Community ist vielfältiger als manche wahrhaben wollen

Queere Menschen vertreten unterschiedlichste politische Positionen. Sie sind links, liberal, konservativ oder parteilos. Sie arbeiten bei Gewerkschaften, Unternehmen, sozialen Einrichtungen, Kirchen, Verwaltungen, Polizei, Justiz und Bundeswehr. Diese Vielfalt ist kein Widerspruch zum CSD – sie ist Teil davon.

CSDs sind deshalb keine Parteiveranstaltungen der Linken und erst recht keine Veranstaltungen, über deren Teilnahme einzelne linksradikale oder linksextreme Gruppierungen bestimmen können.

Der Christopher Street Day ist aus einer Protestbewegung entstanden. Er ist politisch. Er darf laut, kritisch und unbequem sein. Aber er gehört nicht einer politischen Strömung allein. Wer Vielfalt fordert, muss auch aushalten können, dass Menschen innerhalb der Community andere Auffassungen vertreten.

Kritik an Polizei ist legitim

Das bedeutet keineswegs, dass Kritik an Polizei unerwünscht wäre. Polizeiliches Handeln muss kritisch überprüft werden können. Fehler müssen benannt und aufgearbeitet werden. Menschen können negative Erfahrungen mit Polizei gemacht haben – auch queere Menschen. Diese Erfahrungen nehmen wir ernst.

Problematisch wird es jedoch, wenn aus der Kritik an konkretem Handeln eine pauschale Feindbildkonstruktion wird. Behauptungen, Polizist:innen würden „sehr oft“ sexualisierte Gewalt im Rahmen von Durchsuchungen begehen, oder die Gleichsetzung eines polizeilichen Fahrmanövers mit einem Angriff auf einen CSD, sind schwerwiegende Aussagen. Wer solche Vorwürfe erhebt, sollte sie auch entsprechend belegen und konkrete Sachverhalte differenziert betrachten. Pauschalisierungen helfen weder Betroffenen noch einer sachlichen Auseinandersetzung.

Humor darf auch einmal doppeldeutig sein

Ein weiterer Punkt beschäftigt uns besonders: Offenbar ist bereits ein humorvoller, doppeldeutiger Umgang mit polizeilichen Begriffen Anlass für den Vorwurf, Gewalt zu verherrlichen. Natürlich muss niemand unsere Sticker lustig finden. Humor funktioniert unterschiedlich. Ein Spruch, über den die eine Person lacht, kann eine andere geschmacklos finden. Darüber lässt sich diskutieren. Was wir allerdings zurückweisen, ist die Behauptung, die Sticker seien ein Aufruf zu sexualisierter oder patriarchaler Gewalt.

Sie spielen mit Polizeisprache und queerer Doppeldeutigkeit – nicht mehr und nicht weniger. Vielleicht zeigt gerade die sehr ernste Interpretation dieser Sticker auch, wie weit die Verfasser:innen mittlerweile von Teilen einer Community entfernt sind, in der Ironie, Selbstironie, Provokation und sexuelle Doppeldeutigkeiten seit Jahrzehnten selbstverständlich vorkommen.

Sicherheit und Sichtbarkeit gehören zusammen

Während darüber diskutiert wird, ob Polizei auf CSDs überhaupt sichtbar sein dürfe, erleben queere Menschen weiterhin Beleidigungen, Bedrohungen und körperliche Angriffe. Wer Opfer einer Straftat wird, braucht einen verlässlichen Rechtsstaat und eine Polizei, die queerfeindliche Motive erkennt und ernst nimmt. Genau deshalb sind wir auf CSDs.

Wir informieren über Möglichkeiten der Anzeigenaufnahme, über Hasskriminalität und über Ansprechpersonen. Wir sprechen mit Menschen, die gute Erfahrungen mit Polizei gemacht haben – und ebenso mit Menschen, die uns kritisch gegenüberstehen. Diese Gespräche verändern möglicherweise nicht sofort jede Haltung. Aber ohne Begegnung wird sich gegenseitiges Misstrauen mit Sicherheit nicht abbauen.

Unser Weg bleibt der Dialog

Die Forderung „Polizei raus aus dem CSD“ löst kein einziges Problem. Sie verbessert weder den Schutz queerer Menschen noch das Verhältnis zwischen Community und Sicherheitsbehörden.

Unser Ansatz bleibt deshalb ein anderer:

sichtbar sein, zuhören, Kritik aushalten, erklären und miteinander sprechen.

Wir wollen keine Community, in der einzelne politische Gruppen darüber entscheiden, wer aufgrund seines Berufs oder seiner politischen Haltung dazugehören darf.

Wir wollen eine Community, in der Vielfalt tatsächlich Vielfalt bedeutet.

Und deshalb wird VelsPolSÜD auch weiterhin dort sein, wo die Community zusammenkommt – sichtbar, ansprechbar, selbstbewusst und bereit zum Dialog.